Weil nicht sein kann, was nicht sein darf
Ein Vorwurf, den z.B. Homöopathie-Gläubige den zumeist naturwissenschaftlich gebildeten Skeptikern entgegen schleudern, wenn sie nicht mehr weiter wissen: Weil nicht sein kann, was sein nicht darf. Ich habe ihn diese Woche zweimal gelesen, einmal in einer Diskussion zum Thema Luc Montagnier und das Gedächtnis des Wassers, zum dem ich hier ja unlängst auch zwei Worte verfasst habe. Herr Andreas Bender schreibt in einem Kommentar auf Tobias Meiers Blog WeiterGen:
Hallo Herr Maier, danke für den Beitrag. Nur Ihre Schlußfolgerung ist geprägt von unwissender Ignoranz. Was nicht sein kann, was nicht sein darf. Haben Sie sich jemals intensiv mit dem Thema beschäftigt? Haben Sie dazu geforscht, damit gearbeitet? Wenn nein, einfach mal die Klappe halten. [...] Andreas Bender auf WeiterGen
Dass er sich dabei im Eifer des Gefechts vertan hat und den ebenso sinnfreien wie schönen Satz „Was nicht sein kann, was nicht sein darf.” geschrieben hat – geschenkt. Das zweite Beispiel fand ich auf den Seiten der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.) in einem Beitrag mit dem Titel „Prof. Edzard Ernst: Homöopathie ist heute widerlegt”
Die Wechselwirkung von Körper und Geist nennt man Placebo? Dann ist die Musik Mozarts ein Placebo?
“Ich bin fest davon überzeugt, dass Globuli rein pharmakologisch keinerlei Wirkung besitzen. Können sie gar nicht. Das ist Fakt.”
Und darum denkt er messerscharf, dass nicht sein kann was nicht sein darf.
Aus Angst vor der Schulmedizin gesund werden, ist das Nichts. Ich würde sagen, dass ist einer ihrer wenigen nützlichen Wirkungen.
Heidegger hat bemerkt dass die Wissenschaft nicht denkt. Weil wirkliches Denken die Infragestellung des Ausgangspunktes beinhaltet. Wilfert Alpert auf blog.gwup.net
Die Diskussion zu dem zuletzt genannten Artikel ist übrigens ein wunderschönes Beispiel dafür, wie zwecklos es ist, einen Homöopathie-Gläubigen argumentativ überzeugen zu wollen, dass Homöopathie keine wissenschaftliche Grundlage hat. Viele Vorwürfe werden gemacht:
[...] Mit dem groben Zeugs sind die Messgeräte der Wissenschaft gemeint. Sie sind nicht imstande den Effekt der homöopathischen Medikamente, der in hunderttausenden Fällen beim Menschen klar erkennbar ist nachzuweisen. [...] Wilfert Alpert auf blog.gwup.net
Und (übrigens vor dem letzten Argument) darauf eingegangen:
[...] Im übrigen ist die Wissenschaft im Besitz des feinsten “Zeugs”, das die Menschheit jemals hatte. Naturkonstanten können auf 10 hoch -34 Stellen nach dem Komma bestimmt werden. Man kann einzelne Atome sehen (Raster-Tunnel-Mikroskop) und kann auf femto Sekunden genau messen. Studien sind feiner als jegliche Lebenserfahrung eines Arztes, sie bilden viel größere Gruppen mit einer ausgereiften Methodik ab. Ihre Behauptung ist ohne Substanz. [...] Dennis auf blog.gwup.net
Bevor ich jetzt die ganze sehr unterhaltsame Diskussion hier wiedergebe, möchte ich zu meinem eigentlichen Punkt kommen. Warum nämlich der oben genannte Vorwurf unhaltbar ist. Zum einen ist er unglaubwürdig, wenn er von Menschen kommt, die ihrerseits die Haltung Weil sein muss, was sein soll vertreten und sich tatsächlichen Argumenten verschließen.
Viel wichtiger aber: ich bin davon überzeugt, dass die meisten wenn nicht alle Naturwissenschaftler begeistert wären, wenn der Nachweis für Homöopathie erbracht würde. Schließlich würde sich damit ja ein weites Feld für Wissenschaft öffnen mit noch ungeahnten Anwendungsmöglichkeiten. Es gibt keinen Grund, die Homöopathie oder das Gedächtnis des Wassers nicht wahr haben zu wollen, wenn sie denn nachweisbar wahr wären. Ganz im Gegenteil. Ich für meinen Teil fände ein Gedächtnis des Wassers atemberaubend, wenn es das gäbe. Bedeutete das dann, dass auch andere Flüssigkeiten ein Gedächtnis haben? Oh, was sich für spannende Fragen auftäten… Leider nur scheint alles dagegen zu sprechen. Aber es gibt ja ein paar Anreize, weiterhin zu versuchen, die Homöopathie zu belegen (z.B. mit 100.000 $ von Prof. Edzard Ernst)
Im übrigen glaube ich, dass auch die „böse” Pharmaindustrie begeistert wäre, wenn die Wirksamkeit der Homöopathie belegt würde. Könnte man dann doch massenweise billige Produkte verkaufen, die in der Hauptsache etwa aus Glucose, Lactose oder Alkohol bestehen.
Ich bin mir auch auf der anderen Seite gar nicht sicher, dass den praktizierenden Homöopathen und ihren Anhängern ein Nachweis tatsächlich so recht wäre, egal wie sehr sie sich auf jede zweifelhafte „Studie” stürzen, die ihre Seite zu belegen scheint. Sie müssten dann nämlich ihren Widerstand gegen die Wissenschaft aufgeben. Homöopathie würde Teil der so verhassten Schulmedizin. Unter Umständen bräuchte man eine Approbation, um als Homöopath arbeiten zu dürfen. Die fast genauso verhasste Pharmaindustrie würde in den Markt einsteigen.
Na, das schien mal was lustiges gewesen zu sein. Sag mal, ist es nicht andersherum gedacht nicht so, dass auch das Gros der Befürworter niemals in irgendeiner Form wissenschaftlich daran gearbeitet haben, dass sie selbst keine Ahnung haben, mit welchen Mitteln die “Wissenschaft” genau die Wirksamkeit prüfen will, dass auch ihnen gerade mal die Studien zur Verfügung stehen, die sie verteidigen und mehr nicht? Zumindest drängt sich bei mir immer diese Frage auf.
Deine Gedanken zu dem Thema finde ich übrigens super. Die Pharamindustrie würde dreimal hoch springen, wenn Homöopathie funktionieren würde. Medikamente erforschen und synthetisieren ist eine zeitraubende und kostspielige Angelegenheit. Der Großteil der in Frage kommenden Medikamente wird verworfen, noch bevor sie auch nur in die Nähe des Menschen gelangen. Da wäre Homöopathie ja wirklich ein Segen für den Geldbeutel.
Hallo Anna,
Ich nehme schon an, dass die Mehrheit der Befürworter keine genaue Vorstellung davon hat, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Allerdings glaube ich, dass das sowieso für die Mehrheit der Menschen gilt. Wahrscheinlich auch für die Mehrheit der Skeptiker. Das ist natürlich nur Spekulation…
Es gibt natürlich auch gestandene Wissenschaftler, die ihre Ausbildung auf einmal zu vergessen scheinen. Siehe Luc Montagnier.
Wie auch immer das passieren kann. Ist ja nicht so, dass es nicht ausreichend Studien gäbe, die Homöopathie widerlegten.
Gruß, Clemens
Oh Mann, an den musstest du mich unbedingt erinnern.
Stimmt aber, die Leute habe ich völlig außer Acht gelassen. Wenn sich Nicht-Wissenschaftler dann an deren Argumentation hängen unter dem Vorwand, einen echten Wissenschaftler auf ihrer Seite zu haben, kommt es zu einer Patt-Situation.
Auf der anderen Seite, was hat der eigentlich während seiner Ausbildung getrieben…