Glaube!?

Ich behaupte, dass wir beide Atheisten sind. Ich glaube nur an einen Gott weniger als Sie. Wenn Sie vernünftige Gründe nennen könnten, warum Sie all die anderen möglichen Götter ablehnen, würden Sie auch verstehen, warum ich Ihren ablehne. Henry Roberts

Kein Thema hat mich in meinem Leben mehr beschäftigt als der Glaube. Mein Vater ist ein tiefgläubiger Mensch, der früher – als ich ein Kind war – noch sehr missionierend unterwegs war. Jedenfalls uns Kindern gegenüber. Seine Meinung, die Meinung der Religionslehrer in der Schule und die des Pfarrers – ich wurde evangelisch getauft – und die Widersprüche mit der Welt um mich herum haben mich über lange Jahre hin und her gerissen. Lange hat es gedauert bis ich bekennen und dazu stehen konnte: ich bin Atheist.

Schön, dass man das in Deutschland so frei sagen kann. Mit Sorge höre ich, welches Stigma[1] Atheisten in den USA anhaftet („Atheist are parasites”). Aber das soll nicht mein Thema hier sein. Ich möchte auch nicht anfangen, mich über die Gottes-„Beweise” auszulassen. Wieso diese als Beweise nicht funktionieren, hat Richard Dawkins in seinem Buch „The God Delusion” wesentlich besser dargelegt, als ich das könnte. Es ist natürlich auch sinnlos, die Nichtexistenz Gottes beweisen zu wollen. Es ist nämlich nicht möglich. Nein, was mich vielmehr umtreibt, ist der Vorwurf, Atheisten hätten nichts, worauf sie ihre Moral stützen könnten. Ein Vorwurf, der impliziert, Religion biete Halt in moralischen Fragen. Wie fragwürdig diese Haltung ist, hat sich erst vor wenigen Monaten wieder gezeigt, als heraus kam, was in der Odenwaldschule passiert ist.

Tatsächlich ist es ein Dilemma, Moral nicht begründen zu können. Daran versuchten und versuchen sich die Philosophen schon seit Jahrhunderten. Der Geschichtsunterricht zeigt uns, dass sich „die Moral” auch über die Jahrhunderte hinweg immer entwickelt hat – in verschiedenste Richtungen. Haben Sie eine feste Moral? Eine feste Ethik, die Ihnen hilft, in schwierigen Momenten Entscheidungen zu treffen?

Was würde man zum Beispiel tun, wenn eine Straßenbahn außer Kontrolle einen Berg herunterrast und fünf Menschen vor dem Wagen auf den Gleisen stehen? Und wenn es möglich wäre, eine Weiche umzustellen, dabei jedoch eine Person auf dem Nachbargleis ums Leben käme – sollte man die Weiche umstellen? Oder dürfte man einen dicken Mann auf die Schienen stoßen, so dass er den rasenden Zug aufhält?
Keine Frage: Legt man eine Art ethische Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde, wären beide Aktionen besser als einfach abzuwarten. Umfragen ergaben allerdings, dass die beiden Alternativen für die meisten trotz derselben 5-zu-1-Abwägung nicht gleichwertig sind. So würde es der Mehrheit leichter fallen, die Weiche umzustellen als einen Unbeteiligten in den sicheren Tod zu schubsen. Aus: Bild der Wissenschaft vom 24.12.2007

Wie würden Sie entscheiden? Hilft Ihnen Ihr Glaube oder Nichtglaube dabei?

Die eigentliche Schwierigkeit liegt in der Begründung einer Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Die ist nämlich nicht so ohne weiteres gegeben, wenn man sich einmal völlig rational außerhalb seiner eigenen moralischen und ethischen Überzeugungen stellt. Ein Glauben und eine Religion helfen ohne Zweifel bei dieser Unterscheidung. Wie erfolgreich das funktioniert, sei einmal dahingestellt. Auch ein ein agnostischer oder atheistischer Mensch sieht sich zwingend vor diese Frage gestellt. Sie ist, glaube ich, der Ursprung aller moralischen Fragen. Rüdiger Safranski[2] hat das Böse so beschrieben:

Das Böse ist kein Begriff, sondern ein Name für das Bedrohliche, das dem freien Bewußtsein begegnen und von ihm getan werden kann. Es begegnet ihm in der Natur dort, wo sie sich dem Sinnverlangen verschließt, im Chaos, in der Kontingenz, in der Entropie, im Fressen und Gefressen werden. In der Leere im Weltraum ebenso wie im eigenen Selbst, im schwarzen Loch der Existenz. Aus: Das Böse oder Das Drama der Freiheit

Gut ist dann ein Name für das, was sich dem Sinnverlangen nicht verschließt, in der Ordnung, der gefüllten Leere. Eine schwierige Definition, die aber erklärt, wieso viele Menschen – seien sie gläubig oder nicht – mit so vielen Mitteln diese Leere zu füllen. Dabei besteht die Gefahr, die eigene Leere so zu füllen, dass sie zu einer Bedrohung für andere wird. Man darf also nicht den Fehler begehen, diese Deutung nur auf sich selbst bezogen zu verwenden. Wenn Gut ist, was nicht Böse ist, kann mein Gutes nicht anderer Böses sein. Eine Gratwanderung, die wieder zu dem moralischen Dilemma von oben führt.

Safranski ist es auch, der mir erlaubt, auf die Frage eine Antwort zu finden, wie ich meine Moral begründen kann. Kritiker der Atheisten behaupten ja gerne, die (Natur-) Wissenschaften seien zu einer Art Ersatzreligion geworden. Das stimmt in einer Hinsicht. Und zwar nicht in der Frage des Glaubens. Es ist keine Glaubensfrage, ob der Mond die Erde umkreist oder ob sich Kalk auflöst, wenn ich Säure darauf gebe.

Wenn es aber die Strukturen und die Systemlogik sind, die uns bestimmen, so sind sie damit zu einer neuen Art des Heiligen geworden, rational und numinos zugleich. [...] Nachdem die Säkularisierung die Gnade Gottes hat verblassen lassen, hängen wir vielleicht jetzt von der Gnade dieser autopoietischen Systeme ab. Aus: Das Böse oder Das Drama der Freiheit

Die Wissenschaft gibt mir die Zuversicht, die Welt verstehen zu können – ohne einen klärenden Gott. Sie ist eine Art Stützpfeiler. Einer, dem ich widerspruchsfrei vertrauen kann. Denn wenn sich in der Wissenschaft Widersprüche auftun, dann ist sie flexibel genug, sie zu erkennen und mit einem neuen Ansatz den Widerspruch zu erklären. Dass noch nicht alle Fragen geklärt sind und es vielleicht nie sein werden – geschenkt. Dafür sind Gläubige ständig in ihrem Glauben versucht und müssen mit ihren Zweifeln umgehen.

Ein letztes Mal Safranski:

Eingedenk des Bösen, das man tun und das einem angetan werden kann, kann man immerhin versuchen, so zu handeln, als ob ein Gott oder unsere eigene Natur es gut mit uns gemeint hätten. Aus: Das Böse oder Das Drama der Freiheit

Ich gestehe, dass das keine starke moralische Instanz ist. Aber ich denke nicht, dass sie schwächer ist, als es der Glaube ist. Im moralischen Dilemma (siehe oben) müssen wir alle mit uns hadern und hoffen, das Richtige zu tun. Der Unterschied ist lediglich, dass ich dabei nicht an einen Gott bete.

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  1. [1] Mir ist die Ironie durchaus bewußt, die sich durch diese Wortwahl ergibt.
  2. [2] Ein ungemein lesenswerter Autor!

20. September 2010 von Clemens
Kategorien: Gesellschaft, Kultur, Persönliches | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. So lange du deine Weltsicht (ob nun die moralische oder identitäre) in Abgrenzung zur Religiosität negativ bestimmst, kommst du aus der ideologischen Kiste nicht heraus – behaupte ich. Wenn so ein “Kritiker der Atheisten” von Ersatzreligion spricht, sind ihm Säure, Kalk und der Mond vermutlich ziemlich egal – in der Bedeutung und dem sinnstifte Anspruch, der solchen banalen Fakten beigemessen wird, offenbart sich gerade das Problem.
    Ich glaube auch, dass Religion auf einer materialisitischen Grundlage aufs Heftigste zu kritisieren ist, aber irgendwelche positivitischen Konzept dagegen zu halten, ist ausgesprochen unbefriedigend.
    Oder andersherum: Wenn du die offensichtliche Irrtümer religiöser Menschen erkennst, kannst du dich natürlich mit ihnen auseinander setzen, wenn du sie erziehen möchtest. Einen anderen Sinn kann das kaum nicht haben. Eine sinnvolle Frage wäre die nach dem religiösen Bedürfnis und das unterscheidet sich nur recht oberflächlich von dem naiven Realismus, den die meisten atheistischen “Naturwissenschafler” predigen.

  2. Ich habe natürlich nicht vor, irgendeinen religiösen Menschen zu erziehen. Ich glaube auch, dass das unmöglich ist, wenn derjenige nicht schon von vornherein mit Zweifeln daherkommt. Mir ist auch letztlich egal, ob ein religiöser Mensch mir eine Ersatzreligion attestiert (als Verteidigung auf einen empfundenen Angriff seines Glaubens?). Mir ist das Dilemma mit der ideologischen Kiste an dieser Stelle auch aufgefallen.

    Ich versuche eigentlich herauszufinden, wieso mir der Gedanke an eine gottlose Welt so wenig Unbehagen bereitet. Weniger aus einem Bedürfnis heraus, eine Leere zu füllen, als aus Neugierde. Wobei man natürlich fragen könnte, woher die Neugierde stammt… Das oben war ein erster Versuch, der mich ebenfalls etwas unbefriedigt gelassen hat.

    Trotzdem stelle ich fest, dass ich es persönlich sehr beruhigend finde, mich auf die banalen Fakten verlassen zu können. Die konkreten Beispiele sind dafür eigentlich irrelevant. Bislang kann ich diese Tatsache nur beschreiben und noch nicht begründen. Und ich habe das Gefühl, dass ich an dieser Stelle stecken bleiben werde.

  3. Ah, den Vorwurf der Ersatzreligion hatte ich anders eingeschätzt und ihn für einen ideologiekritischen gehalten. Von religiöser Seite ist er einfach nur frech. .. und so alt wie das goldene Kalb.
    Ansonsten könntest du hier mal reinhören – mag sein, dass es Dich vorm Steckenbleiben bewahrt:
    Lars Quadfasel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik http://www.mediafire.com/?eh2vz0yx3ym

  4. Danke für den Link! Ich werde mir das in einer ruhigen Minute mal anhören.

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